Kurz gesagt: In Deutschland gibt es deutlich weniger Stellen für Berufseinsteiger. Die Jobbörse Indeed zählte im Juli 2026 46 Prozent weniger solcher Anzeigen als 2019. Ob KI dafür verantwortlich ist, ist nicht geklärt. Der Rückgang begann schon im Frühjahr 2022, also vor ChatGPT. Und die Forschung kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Wie stark sind die Einstiegsjobs eingebrochen?
Indeed zählt jede Stellenanzeige, in deren Titel Wörter wie „Junior“, „Trainee“, „Absolvent“ oder „Berufseinstieg“ stehen. Im Juli 2026 gab es davon 46 Prozent weniger als 2019. Der Arbeitsmarkt insgesamt lag zur selben Zeit noch 8 Prozent über 2019. Getroffen sind also vor allem die Menschen, die gerade anfangen.
Auch Praktika und Stellen für Werkstudierende sind seltener geworden. Laut Indeed lagen sie zuletzt 24 Prozent unter 2019.
Die Bundesagentur für Arbeit sieht die Lage von der anderen Seite. 2025 waren 3,3 Prozent der Menschen mit Hochschulabschluss arbeitslos. Zum ersten Mal seit 2007 lag dieser Wert über 3 Prozent. Die Bundesagentur weist allerdings selbst auf etwas hin. Der Anstieg wirkt auch deshalb so groß, weil die Arbeitslosigkeit von Akademikern vorher sehr niedrig war.
Warum liest man oft „zwei Drittel weniger“?
Weil ab einem anderen Jahr gezählt wird. Nach Corona gab es einen Nachholboom. Laut Indeed lagen die Einstiegsjobs im Juli 2022 bis zu 75 Prozent über 2019. Wer ab diesem Rekord zählt, kommt auf mehr als zwei Drittel weniger. Wer ab dem normalen Jahr 2019 zählt, kommt auf 46 Prozent.
Beide Zahlen stimmen. Nur das Startjahr entscheidet, wie dramatisch die Schlagzeile klingt.
Trifft es Berufe, die KI gut kann, stärker?
Ja. Indeed hat die Berufe danach sortiert, wie viele ihrer Aufgaben KI übernehmen oder unterstützen könnte. Bei manchen Berufen liegt dieser Anteil über 60 Prozent. In diesen Berufen gab es im Juli 2026 nur noch rund halb so viele Einstiegsjobs wie 2019. In Berufen unter 40 Prozent lag das Angebot auf oder über 2019.
Ein Beweis gegen die KI ist das trotzdem nicht. Erstens öffnete sich die Schere laut Indeed „bereits im Frühjahr 2022“. ChatGPT kam erst Ende November 2022. Zweitens misst das KI-Potenzial nur, was KI können könnte. Ob Firmen sie tatsächlich einsetzen, misst es nicht.
Indeed schreibt selbst: „Die empirische Evidenz ist bislang jedoch nicht eindeutig.“ Der Rückgang komme wohl nicht allein durch KI zustande. Firmen sparen in schwachen Zeiten oft zuerst beim Nachwuchs.
Welche Jobs werden durch KI ersetzt?
Das kann bisher niemand sicher sagen. Belegt ist etwas Kleineres: in welchen Berufen die Einstiegsjobs am stärksten zurückgegangen sind. Indeed hat dafür das erste Halbjahr 2022 mit dem ersten Halbjahr 2026 verglichen. 2022 war allerdings das Rekordjahr, die Rückgänge wirken deshalb besonders groß.
- IT-Anwendungen: 77 Prozent weniger Einstiegsjobs
- Marketing: 75 Prozent weniger
- Projektmanagement: 60 Prozent weniger
- Gewachsen sind nur Pflege, Medizin und Pharmazie (plus 18 Prozent) sowie Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie (plus 10 Prozent).
Insgesamt ging das Angebot in 26 von 28 Berufsgruppen zurück.
Die Softwareentwicklung zeigt, dass Nachwuchs nicht einfach überflüssig wird. Dort gab es zuletzt 70 Prozent weniger Einstiegsjobs als 2019. Die Ausbildungsplätze im selben Bereich lagen dagegen 27 Prozent über 2019.
Was sagt die Forschung, ob KI dahintersteckt?
Drei Untersuchungen, drei Antworten:
- USA, ein frühes Signal. Forschende der Stanford University um Erik Brynjolfsson haben Lohnabrechnungen von Millionen Beschäftigten ausgewertet. Bei 22- bis 25-Jährigen in Berufen, die KI gut kann, ist die Beschäftigung rund 19 Prozent zu niedrig. Verglichen wird mit dem Stand, den sie bei gleicher Entwicklung wie in anderen Berufen hätte. Bei Erfahrenen fehlt diese Lücke. Die Autoren nennen ihre Befunde selbst „frühe, beschreibende Hinweise“. Einen Beweis, dass KI den Rückgang verursacht, sehen sie darin ausdrücklich nicht.
- Dänemark, keine messbare Wirkung. Die Ökonomen Anders Humlum und Emilie Vestergaard haben 25.000 Beschäftigte befragt. Die Antworten haben sie mit amtlichen Daten verknüpft. Zwei Jahre nach dem Start von ChatGPT zeigen KI-Chatbots dort keine Wirkung auf Verdienst und Arbeitsstunden.
- USA insgesamt, noch kein Umbruch. Martha Gimbel leitet das Yale Budget Lab. Im Februar 2026 sagte sie dem Magazin Fortune: Egal wie man die Daten betrachte, gerade gebe es keine großen Folgen für die Gesamtwirtschaft.
Was alle drei teilen: In Berufen, die KI gut kann, trifft es Einsteiger stärker. Worin sie sich unterscheiden: ob KI den Rückgang verursacht. Die Alternative wäre, dass genau diese Berufe einfach stärker auf die schwache Wirtschaft reagieren.
Wer erzählt welche Geschichte?
Wer über KI und Jobs spricht, hat oft ein Interesse an der Antwort. Ein Interesse heißt nicht, dass jemand lügt. Man sollte nur wissen, wer spricht.
- Firmen können einen Stellenabbau mit KI begründen. Mit KI als Begründung klingt der Abbau nach Fortschritt statt nach Krise. Sam Altman ist Chef von OpenAI. Im Februar 2026 sagte er dem indischen Sender CNBC-TV18: „there's some AI washing where people are blaming AI for layoffs that they would otherwise do“. Manche Firmen schieben also Entlassungen auf KI, die sie sowieso vorgenommen hätten. Daneben gebe es aber auch echte Verdrängung durch KI, sagte Altman.
- KI-Hersteller warnen oft am lautesten. Dario Amodei ist Chef von Anthropic. Im Mai 2025 sagte er dem Nachrichtendienst Axios: KI könne in ein bis fünf Jahren die Hälfte aller Einstiegsjobs im Büro beseitigen. Die Arbeitslosigkeit könne dadurch auf 10 bis 20 Prozent steigen. Amodeis Aussage ist eine Vorhersage, keine Messung. Und eine solche Warnung zeigt zugleich, wie mächtig das eigene Produkt sein soll.
- Schlagzeilen brauchen eine große Zahl und einen klaren Schuldigen. Deshalb liest man öfter „zwei Drittel weniger“ als „46 Prozent“.
In eigener Sache: Diese Seite ist mit Claude recherchiert, einer KI von Anthropic. Anthropic ist also selbst einer der Akteure in diesem Text.
Was heißt das für Berufseinsteiger?
Zwei Dinge sind belegt, egal ob KI schuld ist oder nicht.
Erstens kann der schwierige Start lange nachwirken. Indeed schreibt, Arbeitslosigkeit am Berufsstart könne sich langfristig negativ auf Beschäftigung und Lohn auswirken.
Zweitens hält die Ausbildung dagegen. In der Saison 2025/26 waren laut Indeed im Schnitt 50 Prozent mehr Ausbildungsplätze ausgeschrieben als 2019. Indeed vermutet, dass Firmen lieber selbst ausbilden, als teure Absolventen einzustellen.
Eine Frage für jede Schlagzeile
Wenn du das nächste Mal „KI frisst die Jobs“ liest, stell zwei Fragen: Ab wann wird gezählt? Und wer sagt das?
Was die Forschung noch nicht weiß
- Ob KI den Rückgang verursacht oder nur verstärkt. Die Daten zeigen bisher Zusammenhänge, keine Ursachen.
- Wie es mit neueren KI-Modellen weitergeht. Die dänischen Daten reichen nur bis Ende 2024.
- Was Firmen wirklich tun. Das KI-Potenzial eines Berufs sagt nicht, ob dort KI eingesetzt wird.
Mehr zum Thema: Macht KI uns wirklich produktiver?
Quellen
- Indeed Hiring Lab, Virginia Sondergeld: Berufseinstieg: Stellenangebot sinkt, Ausbildungssystem bietet einen Anker, 23.9.2026
- ingenieur.de: Zwei Drittel weniger Einstiegsjobs seit 2022, 28.9.2026
- Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt für Akademikerinnen und Akademiker, Bericht 2025
- Brynjolfsson, Chandar, Chen: Canaries in the Coal Mine?, Stanford Digital Economy Lab, Fassung vom 12.8.2026
- Humlum, Vestergaard: Still Waters, Rapid Currents, NBER Working Paper 33777, Fassung März 2026
- Fortune: Sam Altman confirms some companies are ‘AI washing’, 19.2.2026, mit der Einschätzung von Martha Gimbel (Yale Budget Lab)
- Axios: Behind the Curtain: A white-collar bloodbath, 28.5.2025
Stand: 19. Oktober 2026. Recherchiert mit KI (Claude, von Anthropic). Wir verdienen nichts an dem, was wir hier ansehen. Wenn dir ein Fehler auffällt, schreib an hi@mindfulreflect.com. Wir korrigieren sichtbar und schreiben dazu, was vorher dastand.